Können wir Emotionen bei der Arbeit gebrauchen?

Viele von uns sind von früh auf darauf geeicht worden, Emotionen für das Privatleben aufzusparen und bei der Arbeit möglichst rational und sachlich zu agieren. Dieser Artikel räumt mit diesem Mißverständnis auf. Und ruft dazu auf, den Wert von Emotionen in Unternehmen zu schätzen und zu nutzen.

Emotionen, Gefühle, Bauchgefühl, Intuition....im Berufsalltag! Schüttelt es Sie innerlich bei dem Gedanken an diese Kombination? Dann sind Sie vielleicht ebenso wie ich von früh auf darauf getrimmt worden, im Job eine klare Trennung vorzunehmen.

 

"Jetzt wollen wir doch mal wieder sachlich werden", "nun fahren erst mal alle ihre Emotionen runter und dann machen wir vernünftig weiter" - wie oft habe ich solche Appelle in schwierigen Projektbesprechungen oder Teamsitzungen gehört. Besonders eingeprägt hat sich mir ein letztes Gespräch mit einer Vorgesetzten, deren Team ich auf eigenen Wunsch verlassen habe, unter anderem mit der Begründung, dass "mein Herz nicht bei der Aufgabe sei" (wie kindisch und unprofessionell von mir werden Sie jetzt bestimmt denken...). Was sie darauf erwiderte? Mein Herz habe bei der Arbeit auch nichts zu suchen, das könne ich schön zu Hause lassen. Ich war damals zugegebenermaßen noch recht jung und idealistisch, und (trotzdem?) im Job erfolgreich. Entsprechend verwirrte mich die Vorstellung, meine Begeisterung und Motivation durch das geforderte Ausknipsen meines Herzens abzustellen. 

 

Sachlich = professionell / Emotional = unprofessionell. So klar. So einfach. Und so falsch! Es beginnt mit dem Missverständnis, dass sich Verstand und Emotion überhaupt trennen lassen. Und mit der weiterführenden Frage, was wir im Berufsalltag davon hätten, wenn es ginge?

 

Abschied von der Vorstellung des „Homo oeconomicus“

 

Aber der Reihe nach (nicht dass dieser Artikel noch allzu lebendig also unprofessionell wird). Dank der bahnbrechenden Erkenntnisse der Hirnforschung der letzten Jahre ist inzwischen bekannt, dass es den „Homo oeconomicus“, also den rein rational handelnden Menschen, der mit kühlem Kopf Kosten und Nutzen abwägt, gar nicht gibt. Da Neurowissenschaftler in vielen Studien Menschen mit "Hirn-Scannern" beim Denken zuschauen konnten, wissen wir inzwischen, dass an jeder Entscheidung das "limbische System" einen entscheidenden Part spielt.

 

Was ist das "limbische System"? Bis vor zirka einem Jahrzehnt ging man auch in der Hirnforschung noch davon aus, dass der Mensch seine Entscheidungen bewusst und vernünftig trifft. Entsprechend stellte man sich den Aufbau des Gehirns vor: Oben sitzt die Vernunft, dann kommen die Emotionen und ganz unten im Gehirn die niederen Instinkte. Doch die moderne Hirnforschung zeigt: Ohne Emotionen ist keine Entscheidung möglich. Das limbische (vereinfacht ausgedrückt das emotionale) System ist das eigentliche Machtzentrum im Kopf. Hier fallen rund 70 bis 80 % aller Entscheidungen weitgehend unbewusst. Und auch die verbleibenden bewussten 30 % bis 20 % an Entscheidungen sind lange nicht so frei, wie wir glauben, sondern bewegen sich im Rahmen eines Programms, das sich im Laufe der Evolution als erfolgreich erwiesen hat. Entscheidend sind nicht rationale Abwägungen sondern tatsächlich die Emotionen.

 

Nicht rationale Abwägungen sondern Emotionen entscheiden.

 

Marketingexperten machen sich diese Erkenntnis längst zu nutze und sprechen gezielt und bewusst die Emotionen von Käufern - ja auch im vermeintlich rationalen B2B Geschäft! - an. Einer ihrer Vordenker ist Dr. Hans-Georg Häusel, Diplom-Psychologe, der weltweit als einer der führenden Neuro-Marketingspezialisten gilt. Er hat so lange Gehirnen beim Kaufen und Entscheiden zugeschaut, dass er verschiedene "Limbic Types" bestimmen konnte, mit derem Wissen sich Kunden viel gezielter ansprechen lassen. In seinem Artikel "Think Limbic!" verrät er mehr darüber.

 

An diesem Punkt des Artikels sollte auch dem letzten kühlen Denker bewusst geworden sein, dass wir um Emotionen im Business nicht drum herum kommen. Und das ist auch gut so.

 

Eine rein rationale Berufswelt wäre einfach nur unerträglich. Und völlig erfolglos.

 

Gemäß der versprochenen Struktur komme ich jetzt also zu der Frage, was uns die strikte Trennung von Ratio und Emotion in der Berufswelt denn überhaupt bringen würde. Die Antwort ist einfach und kurz: nichts. Es gäbe keine Motivation, keine Begeisterung, keine Visionen, kein Design, keine Innovationen, keine persönlichen Beziehungen, keine treffenden Bauchentscheidungen, keine Netzwerke, keine gute Teamarbeit, keine inspirierende Führungskraft, keine erfolgreiche Veränderung, keine in die Tat umgesetzte Strategie.


Zum Mitschreiben: Wo Menschen sind, sind Emotionen.

 

Ja, Emotionen sind zugegebenermaßen komplex. Sie sind diffus. Sie sind nicht planbar. 

Sie sind weich. Sie sind oft schwer zu begreifen und auszuhalten. Aber da ja jeder aufmerksame Leser spätestens hier festgestellt hat, dass es Emotionen 1. unweigerlich überall da gibt wo Menschen sind und sie 2. eine wichtige Funktion haben, können wir uns ja nun damit beschäftigen, wie wir mit ihnen im Berufsalltag umgehen. Wie sich das beste aus beiden Welten - der sachlichen und der emotionalen - miteinander verknüpfen lassen.

 

In meiner Arbeit als Change Managerin, Coach und Trainerin darf ich immer wieder erleben, wie erfolgreich Unternehmen sind, denen es gelingt, die Emotionen ihrer Mitarbeiter zu schätzen und zu nutzen. Diese Unternehmen zeichnen sich zum einen durch klare Strategien, Ziele und Strukturen aus, die bei Bedarf rechtzeitig angepasst werden. Zum anderen identifizieren sich die Mitarbeiter mit der Vision und den Werten der Organisation und leben sie täglich. Sie haben sie verinnerlicht. Sie vertrauen darauf, dass es in eine gute Richtung geht. Sie empfinden ihre Arbeit als sinnvoll. Sie fühlen sich gehört und geschätzt. 

 

Wir werden die Emotionen also nicht los. Dann machen wir doch einfach das beste daraus.

 

Emotionen zu schätzen und sie möglichst zu verstehen (verstehen ist nicht gleich einverstanden sein) ist meiner Erfahrung nach oft der entscheidende Hebel, um Menschen wirklich mitzunehmen und mit ihnen gemeinsam Projekte und Herausforderungen erfolgreich zu meistern. Und zu akzeptieren, dass Emotionen uns Menschen ausmachen, und dass das auch gut so ist - ist der erste Schritt in diese Richtung. In diesem Sinne freue ich mich, wenn Ihre Antwort auf die Frage in der Überschrift zu diesem Artikel ein überzeugtes "ja" ist.

 

Gute und zufriedenstellende Veränderungen wünscht Ihnen

Ihre Gesine Engelage-Meyer

-Inhaberin der VERÄNDERUNGSBASIS-


Hier erfahren Sie mehr dazu, wie wir Ihren Veränderungserfolg leidenschaftlich gerne unterstützen.

 

  

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